Weckruf gegen die Lethargie

Es ist wie ein Déjà-vu… Viele Geschäfte sind geschlossen und das Home-Office ist Pflicht. Aber im Gegensatz zum letzten März ist vieles anders, denn wir haben uns daran gewöhnt. Wir wissen, dass weder das Internet noch die Versorgung von Toilettenpapier zusammenbricht. Es ist eine andere Stimmung in der Luft, die zwar auf den ersten Blick weniger bedrohlich wirkt, auf den zweiten Blick jedoch eine verpasste Chance ist. Bereits wenige Tage nach dem Lockdown im März 2020 entbrannte vielerorts eine Atmosphäre der Kreativität und Innovation. Bundeshilfen waren noch kaum absehbar und so überlegten sich viele Gewerbetreibende, wie sie trotz den neuen Herausforderungen ihre Dienstleistungen erbringen können. Schlicht und einfach um überleben zu können. Es entstanden kreative Lösungsansätze und in nicht wenigen Betrieben führte dies zu enormen Schüben bezüglich Innovation und Digitalisierung.

Diesen «wir schaffen das»-Geist spüre ich momentan kaum. Stattdessen ist der Ruf nach Geldern aus den Staatskassen allgegenwärtig. In vielen Fällen berechtigt, denn es ist für unsere Gesellschaft zweifellos günstiger, Härtefallbranchen zu stützen, statt diese in den unvermeidbaren Konkurs zu schicken und die Rechnung dann über Arbeitslosengelder zu bezahlen. Und es gibt Branchen, in denen helfen auch die kreativsten Konzepte nicht, die Umsatzeinbussen zu kompensieren. Aber nun einfach in einer Lethargie zu versinken, ist eine verpasste Chance. Um dies zu vermeiden, bedarf es Staatshilfen, welche die Kreativität fördern. Im letzten Frühjahr erhielten zum Beispiel technologieorientierte Unternehmen Unterstützung für Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsprojekte. Diese Gelder motivierten die Unternehmen, sich weiterzuentwickeln. Und diese Hilfen fehlen nun gänzlich. Neben den Härtefallgeldern braucht es unbedingt wieder solche Anreize, um den Innovationsstandort Bern zu fördern. Und damit Bern wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.

(Erschienen im Bärnerbär, Dienstag 14. Juli 2020)

Innovationshub Bern

Die letzten Monate waren wie eine dieser gläsernen Schneekugeln. Ein unsichtbares Virus verdeckte unser wirtschaftliches Sichtfeld und manch einer wusste während des Lockdowns kaum mehr, wo oben oder unten ist. Langsam legt sich der Schnee und wir müssen erkennen, dass sich einiges verändert hat. Die Krise hat den Graben zwischen den innovativen Unternehmen und denen, welche schon lange mit strukturellen Schwierigkeiten kämpfen, noch grösser gemacht. In diesen ersten Monaten der Krise entstanden kluge Kooperationen, grossartige Innovationen und Geschäftsmodelle mit Zukunft. Aber es gibt auch einige Unternehmen, die nun definitiv eingestehen müssen, dass sie dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen, ausser sie finden schleunigst neue Geschäftsfelder und innovative Ansätze.

Innovation wird deshalb in den kommenden Jahren wichtiger denn je. In einem schwierigen Umfeld wird jede Investition auf die Waagschale gelegt. Investiert wird insbesondere in innovative Konzepte mit Wachstumspotenzial. Und deshalb müssen solche noch stärker gefördert werden. Von wegen «langsame Berner»: Bereits am 20. März – also in der Woche des Lockdowns – hat die Standortförderung des Kantons Bern zwei hocheffiziente Unterstützungsinstrumente für Industrie- und Technologieunternehmen ausgeschrieben. In Bern entstanden zur selben Zeit private Initiativen wie unsere Plattform «Local Hero», welche sich national ausbreiteten. Das Innovationsökosystem von be-advanced, das ZID im Bernapark oder sitem-insel sind der Beweis, dass Bern die Chance hat, zum Innovationshub zu werden. Wir müssen aber die Entwicklung der letzten Jahre und den Schub der letzten Monate beibehalten. Eine Förderung der Innovationskraft unserer Berner Wirtschaft ist deshalb wichtiger denn je und muss ganz oben auf die politische Agenda.

(Erschienen im Bärnerbär, Dienstag 14. Juli 2020)

Die Krise als Chance: Local Hero

Die letzten Wochen waren für viele Berner Gewerbetreibende, Gastronomen und selbständig Erwerbende ausserordentlich herausfordernd. Zusammen mit Janie Vultier und Manu Trachsel habe ich das Projekt „Local Hero“ gestartet, um zumindest ein wenig Hilfe bieten zu können. Was diese Plattform ist und wie sie zustande kam, steht diese Woche im Berner Bär. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt hier auf dieser Seite noch detailliert über das Projekt berichten und Bilanz ziehen. Ich habe selten so viel in so kurzer Zeit gelernt und möchte dieses Wissen teilen. Hierzu fehlt jedoch momentan die Zeit, denn je mehr wir jetzt in Local Hero investieren, umso mehr können wir helfen. Danke für Ihre Unterstützung, indem Sie den Newsletter auf www.lcoal-hero.ch abonnieren.

Sharing is Caring

Momentan vergeht kaum eine Woche, in der nicht über die Elektrotrottinette, sogenannte E-Scooter in der Presse geschrieben oder über Veloverleihsysteme in der Berner Politik debattiert wird. Die Diskussion ist leider eher negativ geprägt. Das ist schade, denn die geteilte Mobilität erfreut sich seit wenigen Jahren einem enormen Aufwind und das ist auch gut so. Seit mehr als zehn Jahren bin ich Genossenschafter von Mobility und verfüge über kein eigenes Auto mehr. Für mich ist eine kombinierte Mobilität aus verschiedenen Verkehrsmitteln die Ideallösung. Und entsprechend freue ich mich, dass es nun nicht nur das Auto, das eigene Velo und die öffentlichen Verkehrsmittel gibt. In Zürich kann ich auch auf einen Roller von Mobility ausweichen, in Berlin nehme ich mir ein Leihvelo und in den Ferien habe ich auch schon E-Scooter schätzen gelernt. Gerade diese E-Scooter sind zweifelsohne noch nicht der richtige Lösungsansatz. Das Stadtbild profitiert nicht von den herumstehenden grünen, roten und schwarzen Flitzern. Die Unfallgefahr ist gross und die Allgemeinheit übernimmt zumeist die Heilungskosten. Und auch ökologisch sind die Dinger quatsch, haben sie scheinbar eine Lebensdauer von nur wenigen Monaten, bevor sie zu Elektroschrott werden. Aber ich vermute, dass wir erst am Anfang einer grundlegenden Verhaltensänderung bezüglich Mobilität sind und da gibt es auch Konzepte, welche sich bald ökologisch, ökonomisch oder auch gesellschaftlich als unklug erweisen und wieder verschwinden. Ohne diese Versuche können keine klugen Systeme entstehen. Die Regulierung hinkt hintennach, jedoch macht sie das immer bei solch grossen Änderungen. Das ist nicht weiter schlimm. Schlimm ist einzig, wenn dieser Fortschritt gar nicht zugelassen wird, wie es das momentan in der Stadt Bern der Fall ist. Dass mit „Velo Bern“ nur gerade ein Anbieter unsere Mobilität weiterentwickeln darf und es hierbei mit „PubliBike“ noch um einen Anbieter eines Staatsbetriebes geht, ist unverständlich. Viel grotesker wird die Sache, wenn man beachtet, dass zuerst mit einem Dumping-Angebot Konkurrenten aus der freien Wirtschaft ausgestochen wurden und nun nach nur zweieinhalb Jahren die Diskussion über die Art des Fortbestehens eröffnet wurde, da der Betrieb stark defizitär sei. Ich hoffe, die Stadt Bern kommt nicht auf die Idee, diesen Staatsbetrieb finanziell zusätzlich zu alimentieren und macht stattdessen das Gegenteil: den Markt öffnen, verbindliche Regeln für alle Anbieter erlassen und vor allem in die Verkehrsinfrastruktur investieren. Velowege werden immer mehr zu Spuren für den (geteilten) Kurzdistanz-Individualverkehr, sei das für Velos, E-Scooter (auch private!) oder andere Fortbewegungsmittel. Diese Spuren müssen von den Autospuren abgetrennt werden, um die Sicherheit aller zu gewährleisten. Viele Europäische Städte machen es vor: Velowege am Rand der Strasse ohne Niveauunterschied sollten nicht mehr gebaut werden, denn das ist viel zu gefährlich. Komisch, dass eine Stadt wie Bern, welche sich „Velohauptstadt“ nennt, hier so hinterher hinkt. Wir sind erst am Anfang eines Umbruchs bezüglich Mobilität. Aber wir sind bereits jetzt im Rückstand, obwohl ganz klar ist, dass geteilte Mobilität die Zukunft ist. Wir wissen noch nicht, wie sie schlussendlich ausgestaltet sein wird, aber wir wissen bereits jetzt, dass sie in urbanen Gebieten immer wichtiger wird. Und hierfür müssen wir jetzt regulatorisch und in Sachen Infrastruktur die Rahmenbedingungen setzen, respektive verbessern.

Bevor es beschämend wird

Wenn die Schweiz politisch seinen Nachbarländern hinten nachhinkt, wird oft ins Feld geführt, dass politische Entscheidungen in der direkten Demokratie nun mal ein wenig länger brauchen. Das mag so sein. Und trotzdem ist es unerklärlich, wie die Schweiz zum Schlusslicht in Sachen Frauenstimmrecht wurde oder auch im Zusammenhang mit der «Ehe für alle» inzwischen von fast ganz Europa überholt wurde. Glücklicherweise ist die Gesellschaft oft schneller als die Politik, und so ist inzwischen unbestritten, dass sich die Liebes- und Lebensform gleichgeschlechtlicher Paare von deren ihrer heterosexuellen Mitbürger nicht unterscheidet. Die Gesetzgebung dazu kommt wieder einmal beschämend spät, jedoch wenigstens kommt sie. Beunruhigend sind aber die Ereignisse der vergangenen Woche. Zuerst reicht eine Gruppe aus EVP und Junger SVP das Referendum gegen das Diskriminierungsverbot für Homosexuelle ein. Sowas Ewiggestriges muss nicht weiter kommentiert werden, denn das wird hoffentlich an der Urne hochkant scheitern. Aber nur wenige Tage später entscheidet das Bundesgericht den Ausgang der CVP-Familieninitiative für ungültig und es droht eine Wiederholung dieser damals sehr knappen Abstimmung inklusive des Risikos, dass ein völlig veraltetes Familienbild in der Schweizer Verfassung verankert wird. Es besteht Hoffnung, dass das Parlament die Zeichen der Zeit erkennt und mit einem Gegenvorschlag die unsägliche Heiratsstraffe ohne diesen Kollateralschaden abschafft. Aber das muss schnell gehen. Es kann nicht angehen, dass die Einführung der «Ehe für alle» aufgrund dieses Bundesgerichtsentscheids verzögert wird. Sonst sind wir wieder einmal zu spät unterwegs und diese Verzögerung kann dann nicht einfach mit der Langsamkeit politischer Entscheidungen in der direkten Demokratie erklärt werden, sondern mit reiner beschämender Rückständigkeit.

Poppige Weihnachten

Bern ist momentan eine Weihnachts-Festhütte. Vom kleinen Oskar Elch über die traditionellen Weihnachtsmärkte auf dem Münster- und Waisenhausplatz, das Fonduechalet vor dem Kornhaus bis zum hippen Sternenmarkt auf der Kleinen Schanze: wahnsinnig, was alles in Bern läuft. Aber nicht nur bei den Weihnachtsmärkten: wer momentan ein Pop-Up-Konzept realisieren möchte, ist in Bern genau richtig. Kater Karlo oder Zwischennutzung in der Gelateria… überall poppen tolle Gastroangebote auf. Die Offenheit und Bewilligungspraxis der Stadtbehörden ist löblich, denn diese Konzepte attraktiveren die Innenstadt. Dies im übrigen auch für das reguläre Gewerbe, das das ganze Jahr die Innenstadt attraktiv macht. Und dennoch dürfen die Stadtbehörden das Gewerbe, das nicht nur für kurze Zeit seine Türen öffnet, sondern schon seit Jahren und ganzjährig diese Innenstadt bereichert, nicht vernachlässigen. In Zeiten des Ladensterbens, des Onlinehandels und der Elebniszentren an der Peripherie ist es für viele kleine Läden nicht mehr einfach, ihr Standort in der Innenstadt zu halten. Und von vielen höre ich Klagen. Ein stadtbekannter Modehändler erzählte mir unlängst, wie am Zibelemärit die Gewerbepolizei einschritt, weil er seine Kasse nicht ganz genau pünktlich verräumte. Klar, gelten Regeln für alle. Aber für die Pop-Ups werden diese ja auch bewusst und punktuell ausgeweitet. Es ist an der Zeit, sich mal wieder zu fragen, was man denn für all die Gewerbetreibenden machen will, die kein Pop-Up betreiben. Die sind dann nämlich im Januar auch noch da, wenn alle Lichter und Sterne erloschen sind.  

Was wir von YB lernen können

Was YB betrifft, jagt eine Erfolgsmeldung die andere. Der Abstand zum langjährigen Erzrivalen FC Basel wird immer grösser. Ich gebe zu, was den Sport betrifft, bin ich kein Experte und deshalb masse ich mir nicht an, hier irgendwelche sportliche Leistungen der Young Boys zu kommentieren. Aber ich möchte das aktuelle Selbstvertrauen der Mannschaft als Beweis nehmen, dass Bern über sich herauswachsen kann. Der ehemalige YB-Verwaltungsrat mit Basler Dialekt Urs Siegenthaler sagte vor zwei Jahren, YB habe vergebens nach den Sternen zu greifen versucht, einen FC Basel anzugreifen sei völlig unrealistisch. Was danach geschah ist in mehrfacher Hinsicht erfreulich. Die Fans und schlussendlich auch der Club jagten Urs Siegenthaler in die Wüste und bewiesen, dass der Berner Sportclub sehr wohl über sich herauswachsen und nach den Sternen greifen kann. Ich würde gerne dieses Selbstvertrauen und die nach viel Fleiss und auch ein bisschen Glück nachfolgenden Erfolge in anderen Bereichen der Stadt Bern sehen. Wir haben uns damit abgefunden, Beamtenstadt zu sein, nur einen Provinzflughafen zu haben auf dem keine Fluglinie überleben kann oder im Steuerwettbewerb nur die zweite Geige zu spielen. Ich behaupte, wir sind zu mehr fähig. Wie YB. Schicken wir die Nörgler und Zweifler in die Wüste und packen wir es endlich an.